Junge Gemeinde aus alten Dörfern

Wenn einer so jungen Gemeinde wie Murfeld ein Wappen verliehen wird, so findet darin die Vereinigung von fünf einst selbstständigen Gemeinden ihren sinnhaften Ausdruck, soll doch das Wappen in Hinkunft einigendes Zeichen aller dieses Gemeinwesen Bildenden sein.
Zugleich aber gibt diese Wappenverleihung Anlass, rückschauend nach dem Geschick der alten Dörfer zu fragen.
Als freie Gemeinden wurden nach der Revolution von 1843 mit dem Gemeindegesetz von 1849 aus den Katastralgemeinden Kaiser Franz I. Lichendorf, Oberschwarza, Seibersdorf, Unterschwarza und Weitersfeld gebildet.

Entlassen aus der grundherrschaftlichen Bevormundung begannen Bauern und Handwerker als freie Bürger, ihr Leben selbstständig handelnd zu gestalten. Doch schon als alte Ortschaften und Herrschaftsämter hatten sie gemeinsame Aufgaben zu lösen gehabt: Flur, Weg und Überfuhr hatten sie unter Leitung von bäuerlichen Dorfrichtern und grundherrlichen Amtleuten zu richten. 

Dabei hatten aber schon jahrhundertelang auch der Staat und Landesfürst in das Leben der Untertanen eingegriffen.
Die Verwaltungseinheiten wurden, wenn auch teils die alten Dorfschaften berücksichtigend, vom Staat geschaffen. So bildet zur Zeit Kaiser Josefs II. Oberschwarza und Unterschwarza gemeinsam vermessen eine Steuergemeinde; Weitersfeld und Prielinghof machten mit Oberrakitsch und Hainsdorf eine Gemeinde aus. Lichendorf und Seibersdorf waren für sich je eine Steuergemeinde. Dabei gehen diese Verwaltungseinheiten auf die Konskriptionslisten der Kaiserin Maria Theresia zurück. Ihr eingreifen mit Häuserzählung und Seelenzählung war Beginn des zentralistischen Hoheitsstaates. 

Zur Sicherung seiner Wehr- und Finanzkraft wurde Tatente erlassen mit Verringerung der Robot und Aufhebung der Leibeigenschaft. Für die Bevölkerung der Dörfer des heutigen Murfeld bedeutete dies, abgesehen von der Stellung von Soldaten, nicht allzu viel, denn ihre Robotbelastung war gegenüber der anderen mitte- und untersteirischer Bauern, die täglich einen Mann der Herrschaft zu stellen hatten, nicht übermäßig hoch. Doch auch sie spürten was es hieß „untertan sein“.

Auch die Felder neuzeitlicher Gusthöfe im Prielinghof, Eispöckhof zu Weitersfeld und die Meierhöfer von Spielfeld, Weinburg, Straß und Rabenhof waren in unentgeltlicher Arbeitsleistung für den Herrn zu bestellen. Die Teiche von Brunnsee waren zu richten, die Fische nach Graz zu fahren; die Weitersfelder Untertanen hatten mit Hand und Zug die Überfuhr über die Mur instand zu halten. 

Wenn auch nicht völlig ohne Recht, hatten doch alle Bauern nur Nutungsrechte an Haus und Grund, alle mussten sie dafür ihre Schirmbriefe bei den Grundherren, denen das Eigentum gehörte, lösen: Die Bauern von Weitersfeld und Oberschwarza und einige von Seibersdorf beim Herrn aus Weitersfeld, die Bauern von Lichendorf in Straß, die von Unterschwarza in Spielfeld, Weinburg und Brunnsee, Herbersdorf und sogar Plankenwart.
Diese grundherrschaftlichen Verhältnisse, wie sie zu Ende der Grunduntertänigkeit bestanden, haben sich im Laufe von Jahrhunderten herausgebildet. Nur zum Teil sind sie aus den Überlieferungen feststellbar. Schon 1278, dem Jahr seiner ersten urkundlichen Nennung, begann in Weitersfeld die Besitzzersplitterung: Der Marschall der Steiermark, Harti von Wildon schenkte dem Bischof Bernhard von Seckau Güter in „Weitrasülde“, nahm sie dann allerdings von ihm wieder zu Lehen. 
1382 werden bei Verpachtung das Seckauer Zehents drei Weitersfeld genannt. Niederweitersfeld , der Mur zu, war mit zwei Höfen an die Wartenauer, kleine landesfürstliche Dienstleute, gekommen. Über die Eispöck, Weißenecker, Schneegall, Zöbinger und Kötscher an die Peßnitzer gelangt, verkauften diese 1577 Niederweitersfeld an Seifreid von Eggenberg, der es mit Straß verband. 
Mit dieser Herrschaft wurde 1628 Weitersfeld verbunden, doch 1726 kamen alle diese Besitzungen zur Herrschaft Brunnsee. 
Die Herrschaft Weitersfeld war aus Gütern entstanden, die nach dem Aussterben der Wildonier an den Landesfürsten heimgefallen sind. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts waren sie mit Schwarza als Lehen an die Peßnitzer gelangt. Vom Landesfürsten eingezogen, verpfändete Kaiser, König und Herzog, immer in Geldnöten, die Herrschaft Weitersfeld im 15. und 16. Jh. an die Harrach, Budekh, Breiner, Kachlbark, Greisenegg, Möttnitzer, Dietrichstein, Korban, Stift St. Paul in Kärnten, Breiner, Trautmannsdorf kaufte, um sie 1628 an Hans Ulrich Fürst zu Eggenberg auf Straß zu verkaufen.

Schwarza wird erstmals 1135 urkundlich genannt, als der Salzburger Dienstmann Meginhard sein Erbgut dem Erzbischof vertauschte; 1144 vertauschte diesem auch der Salzburger Amtsmann Engilbert, sein Gut zu Schwarza. 
Es handelte sich hierbei um abgekommene, an Steller der heutigen Seibersdorfer Mühle gelegene Mautschwarza. Diese alte Mautstelle dürfte dann vermutlich als Salzburger Lehen an die Wildonier gekommen sein. 1325 fiel sie dem Landesfürsten zu. Als sein Eigentum wird es dann nirgends mehr verzeichnet.

Auch Ober- Unterschwarza befanden sich im Besitz der Wildonier. 1278 trugen sie es dem Bischof von Seckau zu Lehen auf. Doch 1151 waren diese beiden Dörfer in einem Besitzstreit vom Stift St. Lambrecht, das auch im benachbarten Gersdorf und Lind Grundherr war, den Grafen Heinrich und Sighard von Schala und ihrer Mutter Sophie zugesprochen worden, die es von ihrem Gatten, Herzog Heinrich III.  von Kärnten erhalten hatte. Von den Wildoniern kamen diese beiden Orte zu Beginn des 14. Jahrhunderts an die Walseer, die mit den Habsburgern ins Land gekommen waren. Im 15. und 16. Jahrhundert sollten die Mettnitzer Ober- und Unterschwarza mit ihrer Herrschaft Limberg verbunden haben.

Wie die Herrschaft Weinburg, Spielfeld und Brunnsee zu Grund und Holden in Unterschwarza gelangten,  bleibt fraglich; doch schon im 16. Jahrhundert unterstand dieses Dorf diesen drei Herrschaften. Im 14. Jahrhundert waren hier vorübergehend noch die Walseer, Hollenegger, Stubenberger und der Abt zu Rein Grundherren über einige Untertanen. Seibersdorf wird zum ersten Mal 1190 urkundlich erwähnt, als der Erzbischof von Salzburg seinen Zehenthof zu „Sibotsdorf“ Otakar von Graz verschrieb. ein Salzburger Lehen wurde noch 1281 in „Sibotsdorf“ durch Friedrich von Wolfsau an Otto von Lichtenberg verkauft.
Der Bischof von Seckau hatte zwei verschiedene Besitzteile in Seibersdorf. 1295 besaß er außer zwei Huben auch eine Mühle, hier. 
Andererseits verlieh der Bischof von Seckau hier im 15. Jahrhundert Güter an die Waldsteiner. Dieses Gut kam über die Karsaner, Eibiswalder, Stubenberger, das Domstift Seckau an die Meersberg auf Poppendorf, wo es bis 1848 blieb. Wie die anderen Herrschaften ihren Seibersdorfer Besitz  erwarben, bleibt wohl immer unklar.
Fraglich bleibt auch die ganze Geschichte von Lichendorf. Wahrscheinlich bezieht sich von allen mittelalterlichen Nennungen von mehreren steirischen Lichendörfern nur jene von etwa 1370 auf das Lichendorf von Murfeld. Nur in einer bescheidenen Stubenberger Archivnotiz wird berichtet, dass der Pfarrer Ulrich von Saldenhofen dem Heinrich von Walsee eine Hube zu „Lubichendorf“ verkauft hat. Zu Ende des 15. Jahrhunderts gehörte dann zur Stubenberger Herrschaft Wurmberg bei Pettau auch das Amt Lichendorf bei Mureck. Ein Streit mit Judith von Trautmannsdorf von 1611 über die Meierschaft zu Lichendorf ging zu Gunsten der Eggenberger auf Straß aus, zu dem dann Lichendorf zur Gänze bis zur Aufhebung der Grunduntertänigkeit gehörteeine Unzahl von Namen. 

Doch eine noch größere Unzahl von menschlichen Schicksalen. Denn nicht gleichgültig war es, wessen Untertan einer war. Sicher war wie der Kirche der Zehent, dem Landesfürsten die Steuer zu Hofhaltung und Abwehr der Feinde jedem Grundherrn Zins und Dienst zu leisten. Doch als Holde stand der Untertan in der Gnade, der Huld des Herrn. Dabei war es wesentlich, ob der Herr auch Schutz vor inneren und äußeren Feinden zu gewähren vermochte und wollte.
Zu St. Georgen an der Stiefing und ab 1622 bis 1848 in Straß, wohin alle Dörfer gerichtsmäßig zuständig waren- nur vorübergehen hatte im 15. Jahrhundert der Preßnitzer auch Blutgerichtsbarkeitsrechte- nahm in Friedenszeiten bei todeswürdigen  Fällen die Vertretung vor dem Landesgericht seinen gerechten Verlauf. Doch bei Fehde und Krieg entschied vielfach das Recht des Stärkeren.
Die Menschen im heutigen Murfeld hatten dies zu erleiden. Als 1469 sich Andreas Baumkircher gegen Kaiser Friedrich III. erhob, schloss sich Ulrich Preßnitzer auf Schloss Weitersfeld der Fehde an. Sein Schloss, alle drei Dörfer zu Weitersfeld wurden zerstört.
Im folgenden Ungarnkrieg Kaiser Friedrichs gegen König Mathias Corvinus wurde das Elend noch vermehrt, der Türkeneinfall von 1532 machte es vollständig, Was Menschen geschah, ist unausdenkbar; im einzelnen steht es nirgends verzeichnet. Von den Dörfern waren allein in Murfeld außer den drei Weitersfeld, Mautschwarza und Prepuchlik für immer zerstört. 
Seibersdorf und Lichendorf lagen lange verödet. Das heutige Weitersfeld ist eine Neugründung, der Prielinghof ist nur eine kleine Nachsiedlung des einstigen Dorfes, denn der Großteil der Flur wurde als herrschaftlicher Fasangarten genutzt und ist heute Wald.
Da die ursprüngliche Flurverteilung durch diese Verwüstungen kaum mit Sicherheit erhalten geblieben ist und auch die Grünungsgrundrisse der einstigen Dorfsiedlungen nicht eindeutig bestimmbar sind, kann auch kaum Gesichertes über die einstigen Besiedlungszeit und Urbarmachung des Gebietes ausgesagt werden. Bei der Fruchtbarkeit des Bodens wäre eine frühe Landnahme anzunehmen. Denn zur Zeit Kaiser Josefs II., als erstmals landweit Felderträge bekannt werden, standen die meisten Felder von Murfeld mit einer vierfachen Ernte der Aussaat über dem landläufigen zwei bis dreifachen Ertrag.
Einigen Aufschluss über die deutsche Besiedlungszeit geben die Dorf- und Flurnamen. 
Die Völkerwanderungszeit hat das untere Murtal gewiss verwüstet zurückgelassen. Von den Römern blieben nur Gräber östlich der Schwarza zurück; beim Bahnbau wurde dann noch eine römische Lanzenspitze gefunden. Von den unter den Awaren ins Land gekommenen Slawen erhielt der Name Prielinghof, umgeformt Prequchlichk, „bei den Leuten vorm Wind“. Doch die Flurnamen sind durchgehends deutsch; bairische Siedler haben auch die Kulturlandschaft in diesem Winkel der Mur geschaffen. Doch was zur Zeit der Karolinger angelegt worden sein mochte, hielt dem Sturm der Ungar kaum stand. Selbst die nach dem Sieg von 955 über die Ungarn wiederholte bedroht, 1053 zerstörte sie sogar die Hauptfestung, die Hengistburg.

Errichtet zur Abwehr der Feinde und Sicherung der Reichsgrenze, wurde die Mark als Herzland durch Verbindung der vier Grafschaften im Oberland zur Steiermark, die vom Herzogtum Kärnten gelöst und durch Aufhebung der lebensrechtlichen Bindung vom Herzogtum Bayern reichsrechtlich 1180 durch Erhebung zum Herzogtum zu einem nur dem Reich und seinem König untergegebenen selbstständigen Land wurde.
Mit einer friedlichen Entwicklung in diesem Einfallstor an der Ungarnstraße kann wohl erst an der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts gerechnet werden. Wenn um 1100 in steirischen Urkunden unter den Zeugen auch ein Sigibot und Sybot- „Sieggebieter“- erscheint, der freilich nicht mit Seibersdorf in Beziehung gesetzt werden kann, so darf trotzdem angenommen werden, dass damals dieser Name gebräuchlich war, dass damals neugegründete Dörfer nach Trägeren dieses Namens benannt wurden. 
Lichendorf hat einen noch altertümlicheren Rufnamen bewahrt: Libicho, hergeleitet vom altdeutschen LIBA. Der Leib, das Leben.
Bestimmt und gezeichnet war Jahrhundertelang das Leben zahlreicher Geschlechterfolgen in Murfeld von Bekämpfung einbrechender Feinde und stetem Bebauen der Felder. Kriegerische Lanzen, gekreuzt zur Abwehr bereitgestellt und friedvolle Kleeblätter, gelegt im verheißungsvollen Bogen des Regens wurden zum Sinnbild von Murfeld.


Heinrich J.Purkarthofer